MAGAZIN

Das B(S)H MAGAZIN bietet einen Raum für Themen, Texte, Meinungen und Reflexion. Egal ob Essay, kritische Auseinandersetzung, kreativer Text oder Video und Tonbeiträge – hier entsteht ein (virtueller) Raum, der allen Beteiligten des Projektes offen steht und von allen frei genutzt werden kann.





Wer bin ich?

Wenn ein ICH zum WIR werden soll.

von Julia-Huda Nahas // 10. Mai 2021

Ich habe lange darüber nachgedacht, mit was für einem Text ich unser BITTER (SWEET) HOME Magazin eröffnen möchte. Ob ich das überhaupt selber machen möchte oder doch lieber jemand anderes? Soll es ein künstlerischer oder diskursiver Text sein und um was sollte es gehen? Nach aufregenden, hektischen, inspirierenden und manchmal auch anstrengenden Wochen möchte ich die Gelegenheit nutzen, einmal an den Anfang zurückzukehren.

Ein Projekt wie dieses bringt eine ganze Reihe von Entscheidungen mit sich. Organisatorisch, inhaltlich oder auch konzeptionell. Dabei gibt es Entscheidungen, die mehr oder weniger Bestand haben. Manche sind temporär und haben wenig Auswirkungen, andere ziehen sich durch das gesamte Projekt und berühren die verschiedensten Bereiche. Über so eine Entscheidung möchte ich heute sprechen. Besser gesagt: Schreiben. Das ist ein wichtiger Unterschied, da es hier um eine Entscheidung über Sprache geht. Sprache kann Gedanken in eine Form bringen und ihnen Ausdruck verleihen. Gleichzeitig beeinflusst Sprache unser Denken und Handeln und dabei macht es einen Unterschied, ob ich etwas lese oder höre. Es macht also einen Unterschied, wie ich spreche oder schreibe. Wie ich meinen Gedanken Ausdruck verleihe. Für oder gegen welche Formulierungen ich mich entscheide.

Aber genug des Vorspiels – um was genau geht es dabei und was für eine Rolle spielt dieses kleine große Wort für uns und unser Projekt? Das wird deutlich, wenn wir uns die Fragestellung der Selbstbezeichnung anschauen. Bereits im Antrag (um ein solches Projekt in der freien Szene zu realisieren, stellt unsereins eine gaaaanze Menge Förderanträge) trat diese Frage zum ersten Mal auf. Dann wieder mit der Ausschreibung für den WRITERS’ ROOM und ab dem Zeitpunkt so ziemlich jeden Tag auf’s Neue:

Welche Bezeichnung ist die Richtige? Wie formuliere ich angemessen, offen und gleichzeitig präzise an wen sich das Projekt richtet und wen wir ansprechen wollen? Einfache Sache könnte man meinen. Weit gefehlt – zumindest aus meiner Perspektive.

Besonders deutlich lässt sich das Dilemma am Beispiel der WRITERS’ ROOM Ausschreibung verdeutlichen. Als künstlerischer Raum sollte der WRITERS’ ROOM ein Safer Space für … ja und da fing es schon an. In der Version, die dann auch veröffentlicht wurde, haben wir Autor:innen of Color gesucht, die sich mit Ansätze für Theatertexte mit antirassistischer Haltung auseinandersetzen wollen. Autor:innen of Color. People of Color. PoC.

Es gibt zwei primäre „schnelle“ Reaktionen auf diese Formulierung, deren Ausprägung davon abhängig ist, aus welcher Perspektive die jeweilige Person auf den Text blickt. Die eine nimmt die Bezeichnung wahr und stellt sie nicht weiter in Frage. Die andere bleibt an der Stelle hängen und fragt sich, ob es sich hier um Nachlässigkeit, Unwissenheit oder eine bewusste Ausgrenzung handelt.

Um das direkt vorweg zu nehmen: Es war eine bewusste Entscheidung, diese Formulierung zu wählen und genauso bewusst war mir, dass ich nicht glücklich damit sein würde. Das ist aber auch schon das einfachste an der Sache. Denn weder der Prozess bis zur ersten Formulierung noch der Umgang damit im Laufe des Projektes waren leicht oder gar einfach. Denn hier geht es um mehr als um eine faktische Beschreibung einer Zielgruppe, die sich an klar definierten Merkmalen orientiert. Es geht um Selbstbezeichnungen, die eine große politische Komponente haben und die keiner allgemeingültigen Regel folgend genutzt werden können.

Ich will das an dieser Stelle nicht zu detailliert ausführen, aber es ist wichtig, um verstehen zu können, warum eine so simpel anmutende Frage, so schwierig zu beantworten ist. Denn es hätte noch einige Alternativen gegeben und ich wurde – zu Recht – gefragt, warum ich nicht andere benutzt habe.

Ein sehr freundlicher und wohlmeinender Rat erreichte mich zum Beispiel via Instagram. Dort wurde mir der Tipp gegeben, doch besser diese Formulierung zu wählen: Schwarze, indigene und Autor:innen of Color.

Mit dem Hinweis kam auch die Erläuterung, dass ich damit Schwarze und Indigene nicht ausschließen, bzw. nicht implizieren würde, dass Schwarze und Indigene mit „of Color“ mitgemeint sind.

Das stimmt. Und genau darin liegt auch schon das Dilemma. Denn ich habe vor der Veröffentlichung der Ausschreibung viel recherchiert und noch mehr mit den unterschiedlichsten Menschen genau darüber gesprochen. Dabei haben allerdings mehr Faktoren eine Rolle gespielt, als die Frage wen ich eigentlich ansprechen möchte. Das hat u.a. etwas mit meiner Sichtweise und Funktion als Verantwortliche des Projektes zu tun.

Aus meiner ganz individuellen Sicht kann ich sagen, dass ich mich (am ehesten) mit der Formulierung PoC, also Person of Color, als politische Selbstbezeichnung von Rassismus betroffener Menschen identifizieren kann. Ich wurde als Tochter syrischer Eltern in Deutschland geboren und bin hier aufgewachsen. Ich bin also nicht weiß und wurde und werde in meinem Leben mit verschiedenen Formen von Rassismus konfrontiert. Dadurch ergibt sich eine gewisse Sicht auf die Dinge, die natürlich auch Einfluss auf dieses Projekt und die Ausrichtung hatte. Aus dieser Sichtweise heraus habe ich also ein Projekt konzipiert, bei dem ein Theaterstück unter Einbeziehung diverser Sichtweisen, Erfahrungen und Expertisen entstehen sollte. Ein Stück, dass weder von eine:m Autor:in einsam und allein am Schreibtisch entsteht, noch über Interviews oder Recherchen die Erfahrungen anderer für sich reklamiert. Womit wir beim nächsten Punkt wären, der großen Einfluss darauf hatte, warum es zu der Formulierung Autor:innen of Color kam.

Die Aneignung.

Meine Sichtweise und natürlich auch schon der Projekttitel BITTER (SWEET) HOME geben einen gewissen Grundton vor, bei dem es müßig wäre zu behaupten, dass er unabhängig von meiner persönlichen Erfahrungswelt entstanden ist. Und das ist eben die Erfahrungswelt einer „Person of Color“. Auch wenn wir alle Rassismuserfahrungen machen, ist meine Erfahrungswelt nicht vergleichbar mit der von Schwarzen oder indigenen Menschen. Während ich mir also natürlich gewünscht habe, dass sich die unterschiedlichen Erfahrungswelten in unserem WRITERS’ ROOM finden und zusammenfügen, wollte ich nicht den Eindruck vermitteln, dass ich die Erwartungshaltung habe, dass Schwarze oder indigene Menschen ihre Erfahrungen und Expertisen für das Projekt einer Person zur Verfügung stellen, die ihre Lebensrealität nicht teilt. Damit einher ging die Hoffnung, dass sich aus der allgemeinen Ausrichtung ergibt, wer sich angesprochen fühlt. Eine Hoffnung, die sich zumindest zum Teil eingelöst hat und was mit so viel mehr Gründen zu erklären ist als der Frage, ob die „richtige“ Bezeichnung gewählt wurde. Ich könnte jetzt so weitermachen und die vielen Gespräche rekapitulieren mit all den unterschiedlichen Meinungen, die alle valide sind und ihre Berechtigung haben. Vielleicht an dieser Stelle nur kurz ein paar Varianten, die im Raum standen: Black and Indiginous Autor:innen of Color, Schwarze, indigene und Autor:innen of Color, BiPoC-Autor:innen …

Die Entscheidung fiel letztendlich auf Autor:innen of Color. Schlussendlich die Version, bei der ich am wenigsten Bauchschmerzen hatte. Gleichzeitig ging damit der Vorsatz einher, das Wording anzupassen, sobald klar ist, wie sich der WRITERS’ ROOM zusammensetzt. Auch ein Plan, der sich in der Umsetzung wesentlich weniger „einfach“ gestaltete als ursprünglich angenommen. Denn auch für uns als Gruppe war dies eine Frage, die so viel mehr beinhaltet, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Immer präsent: Der mehr oder weniger starke Druck von außen, ein (angemessenes) Framing zu liefern. Schließlich müssen Veröffentlichung bedient werden. Website Texte, Social Media Ankündigungen und nicht zuletzt Pressetexte.

Da setzt man sich also als Gruppe mit einer so intimen Frage wie der eigenen Selbstbezeichnung aus-einander und soll all diese Faktoren angemessen und zeitnah berücksichtigen?

Eine der für mich wichtigsten Erfahrungen bisher in diesem Prozess lag in dem Moment, in dem wir entschieden haben, uns nicht von den äußeren Faktoren stressen zu lassen. Es steht eine Pressemel-dung an? Es wäre besser, wenn wir in diesem Pressetext bereits das „richtige“ Wording benutzen? Wir haben entschieden, dass wir als Gruppe dem Prozess die Zeit geben, die er aus uns heraus braucht. Dass wir den Prozess und unsere Bedürfnisse an erste Stelle setzen.

Nun ist das eine Entscheidung, die für manche naheliegen und vielleicht einfach anmutet. Klingt auch sehr logisch, kostet in der Praxis allerdings viel Fokus und Kraft. Für mich war dieser Prozess ein erster Vorgeschmack darauf, wie bestärkend, sicher und vertrauensvoll die Arbeit in dieser Gruppe in den kommenden Wochen werden kann. Ein Eindruck, der sich bis hierhin 100% bestätigt und darüber hinaus eingelöst hat.